AUS DER PRAXIS

Was ist eigentlich Technik“ Versuch einer Begriffsklärung im 4. Schuljahr an der VHGS Ofen am 21. 12. 04

„Die Schule weiß alles. In der Schule stimmt alles. Auf jede Frage gibt es eine Antwort. Zu jeder Tatsache gibt es die richtige Frage. Alle Tatsachen zusammen heißen Stoff. Die Wirklichkeit der Welt wird in der Schule zum Stoff.“ (Ernst Eggimann, Die Landschaft des Schülers, Zürich 1973)

Technik nimmt einen bedeutenden Raum in der Lebenswelt von Kindern ein. Herkömmliche Didaktik, von Horst Rumpf auch als „Glättungsdidaktik“ kritisiert, lässt den Gegenstand „Technik“ zunächst zum „Stoff“ gerinnen, ehe die Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit erhalten, sich damit auseinander zu setzen, obwohl sie ihm täglich in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen begegnen.

Die Folge dieses Herangehens: Die Schule trivialisiert häufig die von ihr vermittelten Inhalte. Die Lehrkraft nimmt die Wirklichkeit, die im Unterricht durchschaut werden soll, aus ihrer Erwachsenenperspektive (mit Vorkenntnissen, Vorurteilen und ihrer Erfahrung) wahr. Sie hat ein bestimmtes Abbild von der Wirklichkeit. Dieses Abbild wird, um kindgemäß zu werden, reduziert und soll dann von Kindern nachvollzogen werden. So werden die Kinder im herkömmlichen Unterricht mit einer zweifach reduzierten Wirklichkeit konfrontiert.

Die Folge: Es entsteht eine Tendenz, Kindorientierung mit der Senkung des Anspruchsniveaus, der Reduktion von Sachkompetenz zu koppeln.

Philosophieren mit Kindern versucht dagegen, der Komplexität und Ganzheit der Inhalte gerecht zu werden.

Bezogen auf den Unterrichtsgegenstand „Technik“ heißt das, zunächst einmal das kindliche Begriffsverständnis zu ermitteln und sich auf den Weg einer Begriffsklärung zu begeben.

Der Einstieg in das Thema und damit in die Unterrichtsstunde geschieht mit einem „Blitzlicht“:

Was denkt ihr, was geht euch durch den Kopf, wenn ihr das Wort „Technik“ hört?

Das Blitzlicht ist eine Form, die an die Stelle der „didaktischen Frage“ tritt und assoziatives Denken fördert und fordert. Es ist für philosophische Zugänge zu einem Unterrichtsgegenstand besonders geeignet, weil es im Sinne der Hebammentechnik (Mäeutik) Vorhandenes aus den Köpfen zu Tage fördert und nicht „einfüllt“ („Nürnberger Trichter“).

Die spontanen Antworten der Gruppe (10 Jungen, 6 Mädchen):

  • Intelligente Roboter bauen
  • Sturm
  • Computer
  • Roboter
  • Strom
  • Fernseher bauen
  • Computerspiele erfinden
  • Nintendospiele
  • Schachcomputer
  • Die Technik
  • Etwas Neues erfinden
  • Fußballtechnik
  • Auto
  • Bus
  • Erfinder
  • Bauen

Im wesentlichen widerspiegeln die Antworten den unmittelbaren kindlichen Lebensraum.

Allerdings gibt es einige bemerkenswerte Antworten, die sich deutlich von denen der übrigen Klasse unterscheiden: Intelligente Roboter bauen, Sturm, die Technik, Fußballtechnik, erfinden.

Diese Antworten verraten bereits reflexive Elemente, sie deuten darauf hin, dass diese Kinder bereits über den Begriff „Technik“ nachgedacht und den Begriff nicht ausschließlich mit einem konkreten technischen Gegenstand verbinden. Ganz aus dem Rahmen fällt die Antwort „Sturm“, der Hintergrund dafür erhellt sich erst im weiteren Verlauf der Stunde.

Technik markiert für das betreffende Kind eine qualitative Stufe von Entwicklung. Nicht der Roboter als solcher, sondern der intelligente, also offensichtlich mit Denkkompetenz ausgestattete Roboter, und zwar dessen Herstellung dienen als Gedankenassoziation zum Wort „Technik“.

Das Bauen als Tätigkeit und eine anspruchsvolles Ziel bilden für dieses Kind eine Einheit, die ich  als gedankliche Reaktion auf den Begriff „Technik“ in den Kopf kommt. Implizit drückt es aus, dass Technik Objekt menschlichen Schaffens sein könnte.

Ein Mädchen reagiert auf den Begriff „Technik“ mit der Gedankenassoziation“ „die Technik“. Ist das nur eine banale Wiederholung oder versucht das Mädchen durch die Einfügung eines bestimmten Artikels den Gegenstand selber stärker zu bestimmen?

Der Fußballer unter den Antwortenden assoziiert spontan den begrifflichen Transfer zu seiner Freizeitpassion: Fußballtechnik. Er tut etwas, was in unserem alltäglichen Sprachgebrauch gang und gäbe ist, nämlich den Wortbaustein „Technik“ mit allen möglichen (und unmöglichen) substantivierten Verben zu verbinden.

Nebenbei: Wer hätte vermutet, dass eine Unterrichtsstunde zum Thema „Technik“ auch den Weg zur Sprachreflexion eröffnen kann?

Schließlich die Fähigkeit des Menschen, etwas zu erfinden, als kindliche Assoziation zum Begriff „Technik“. Die Gegenfrage, die sich nicht allein an diesem Punkte sofort aufdrängt: Kann etwas Technisches überhaupt entstehen, ohne dass jemand irgendetwas erfindet?

Vielleicht wird schon hier nachvollziehbar, dass Unterricht, der sich auf einen philosophischen Zugang zum Thema stützt, von der Lehrkraft weitaus mehr verlangt als die herkömmliche Unterrichtsvorbereitung. Die eigene, inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsgegenstand, quasi im Selbstversuch ist zwingend notwendig und damit gefordert: Welchen Begriff von „Technik“ habe ich eigentlich? Wo stimmt er mit Äußerungen der Kinder überein und wo nicht? Wo liegen die Gründe für eventuelle Differenzen? Sind die Kinder noch nicht „so weit“, oder gibt es andere Ursachen dafür? Welches Wissen, welche Annahmen liegen meinem Technikbegriff zu Grunde?

Philosophieren mit Kindern braucht eben das Gegenteil von Glättungsdidaktik: Aufraudidaktik (Horst Rumpf).

Diese verlangt keine fertigen Landstraßen, sie soll weite Aussichten ermöglichen, Widerstand und Wirklichkeit spürbar machen, Irrwege, Umwege und Sackgassen gehören dazu.

H.H. Rütimann: „Umwege, das gilt auch für das Lernen, ermöglichen oft ein sicheres und schnelleres Vorankommen.“

Wenn Umwege zugelassen werden, können sich selbstständige Denk- und Verstehensprozesse entfalten und diese ermöglichen wiederum eigene Erkenntnisse, die wirkliches Verstehen ermöglichen. Rütimann: „Lernen ist kein lineares Voranschreiten, sondern ein komplex und individuell vernetzter Prozess mit vielen Standortwechseln.“

Aufraudidaktik benötigt deshalb Nachdenklichkeit, Gründlichkeit, Intensität und tieferes Verstehen, welches für das ganze Leben prägend sein könnte.

So bietet sich denn ein Gesprächseinstieg an, der ein erstes Nachdenken über das „Blitzlicht“ provoziert:

Welches könnte wohl das Gegenteil von Technik sein ?

Antworten der Gruppe:

  • Keine Technik
  • Brot
  • Explosion
  • Ungelungene Sachen
  • Alles selber tun, zum Beispiel Heu zusammen schieben
  • Dunkelheit
  • Keine technischen Dinge bauen
  • Bauen
  • Ein Fußball ist keine Technik (Widerspruch: Wird aber mit Maschinen hergestellt)
  • Batterien (auf Nachfrage: da sie nicht mit fremdem Strom betrieben werden)
  • Wasser
  • Steine, werden aus Natur gemacht
  • Bäume (Widerspruch: Bäume haben auch Technik, nämlich zu wachsen)
  • Sand
  • Körner
  • Rasen
  • Früchte

Die von mir antizipierte Antwort „Natur“ tauchte zu meiner Überraschung bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht auf. Erst im weiteren Verlauf der Reflexion, die ohne Impulse der Lehrkraft statt fand, führte der Widerspruch zur Aussage „Bäume“ zu weiteren Erkenntnissen:

Natur braucht auch Technik. Alles funktioniert nur mit Technik.

Jener Junge, der beim „Blitzlicht“ die Antwort „Sturm“ gab, behauptete:

„Die Natur ist die Technik. Im übrigen haben Menschen auch eine Technik. Die Menschen sind außerdem Bestandteil der Natur.“ Ein Mädchen griff diese Aussage auf und stellte fest:

„Es besteht eigentlich alles aus Technik, das Gehen, das Sagen, und so.“

Das wiederum rief einen Jungen auf den Plan, der sich bisher nicht am Gespräch beteiligt hatte: „Ohne Technik gäbe es kein Leben.“

Ein Mädchen, das dem Gespräch bis dahin aufmerksam gefolgt war, bemerkte mit eher zweifelndem Unterton: „Wasser hat eine Technik, es kann fließen!“

Ohne es so zu formulieren, war allen Kindern die Problemstellung klar, die ich als Impuls zur Fortsetzung des nachdenklichen Gesprächs einbrachte:

Wir haben offensichtlich alle sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was Technik ist. Wie können wir uns besser verständigen?

Mein Vorschlag, zwei Antworten aus dem Blitzlicht, „Baum“ und „Auto“ zu vergleichen, fand Zustimmung.

Indem wir wieder auf die Ebene des Konkreten zurück kehrten, die wir eigentlich nie vollständig verlassen hatten, taten wir aus „handwerklicher Sicht“ des Philosophierens mit Kindern zwei Dinge:

  • Wir aktivierten den kindlichen Erfahrungsraum zur Lösung einer Problemstellung und bewegten uns dabei auf den Stufen des „didaktischen Dreischritts“ beim Philosophieren mit Kindern: Erkunden – erproben – prüfen.
  • Wir benutzten ein wichtiges Handwerkszeug des Philosophierens, die Methode des nicht – wertenden Vergleichens, des Feststellens von Unterschieden und Ähnlichkeiten.

Beginnen wir mit den Unterschieden:

  • Größe (Widerspruch: Es gibt auch kleine Bäume bzw. Autos)
  • Autos werden gebaut, Bäume nicht
  • Auto läuft mit Strom und Benzin, Baum nicht
  • Autos haben Glasscheiben, Bäume nicht
  • Bäume haben eine Rinde, Autos nicht
  • Autos haben einen Motor, der Baum nicht
  • Bäume haben Blätter, die Autos nicht
  • Ein Auto läuft bzw. fährt, der Baum nicht
  • An einem Baum wachsen Früchte, an einem Auto nicht
  • Baum lebt, das Auto nicht
  • Autos werden von den Menschen erfunden, Bäume von der Natur
  • Baum ist umweltfreundlich, das Auto nicht
  • Baum stellt Sauerstoff her, das Auto nicht
  • Ein Auto kann nur der Mensch steuern, der Baum steuert sich selber

Mit dieser Impulsfrage wurden gleichzeitig , ohne dass es dazu einer konkreten Aufforderung bedurfte, einige der vorher gegebenen Antworten hinterfragt:

„Gibt es auch Ähnlichkeiten zwischen Bäumen und Autos?“

Diese Frage rief für einen kurzen Augenblick etwas Verwunderung hervor, aber dann machten sich die Kinder sofort an die Arbeit:

Ähnlichkeiten

  • Rinde – Metallhülle
  • Sitzmöglichkeiten im Baum und im Auto
  • Baum könnte die Form eines Autos annehmen, das Auto allerdings nicht
  • Beide bewegen sich: Der Baum wächst, das Auto fährt
  • Beide bestehen aus Gerüsten (Stamm, Äste, Stangen)
  • Baum kann nicht ohne Wasser leben, das Auto nicht ohne Benzin
  • Das Auto enthält viele Stangen, der Baum viele Äste
  • Der Baum produziert Harz, das Auto Abgase
  • Größe
  • Beide sind innen hohl
  • Beide verfügen über Fenster (Nachfrage: Die Fenster im Baum sind die Löcher im Baumstamm, z. B. die Schlupflöcher für Tiere)

Ein Kind, das über eine Hochbegabung im Teilleistungsbereich Mathematik verfügt, beschränkte sich auf die beinahe apodiktische Aussage: „Alles ist ähnlich.“

An dieser Stelle unterbrach die Pausenklingel ein aufmerksames, nachdenkliches, gelegentlich philosophisches Gespräch über die Frage, was eigentlich „Technik“ ist. Mancher Kollegin, manchem Kollegen mag es zu wenig erscheinen, was bei dieser Stunde heraus gekommen ist. Abgesehen davon, dass ich davon überzeugt bin, dass diese Stunde eine Menge für Kinder und Lehrkraft erbracht hat, bleibt die Frage unbeantwortet und deshalb notwendigerweise auf der Tagesordnung: Was soll denn eigentlich aus einer Stunde heraus kommen?

Für die Fortsetzung dieses Unterrichtsvorhabens will ich den Kindern die Aufgabe stellen („Erkundungsauftrag“), in ihrer unmittelbaren Umgeben Technische und nicht – technische Phänomene auf zu listen und diese Listen in der Klasse zur Diskussion zu stellen.

Zudem wollen wir uns einem Gedanken zuwenden, den ein Kind in dieser Stunde bereits ausgesprochen hat und den es zu vertiefen gilt: „Ist Natur auch manchmal ’technisch’?“

Und da es die Klasse gewohnt ist, auch mit gedanklichen Experimenten um zu gehen, lassen wir auch die Umkehrung nicht aus und fragen:

„Ist Technik manchmal auch „natürlich“?“

So vorbereitet, lassen sich mit Kindern Erkenntnisse über technisches Wissen gewinnen, die ohne dieses reflexive Moment eben nur oberflächlich zu drohen bleiben.

Beim Philosophieren geht es um Grundprobleme der menschlichen Existenz, um prinzipielle Fragen wie etwa des Verhältnisses von Mensch, Natur und Technik, um Individuum und Gesellschaft.

Kinder können, indem sie derartige Fragen und Probleme erörtern, sich der eigenen Fragen und Gedanken bewusst werden. Sie erfahren somit eine Erziehung zum Verstehen einer sich rasch verändernden Gesellschaft und Welt. In diesem Sinne ist Philosophieren als potentielle Unterstützung bei der Bewältigung grundlegender Fragen in der kindlichen Entwicklung zu sehen.