AUS DER PRAXIS

Erzähl’ mir was vom Tod – mit Kindern über ein Tabuthema philosophieren

Das Gespräch als Hauptmethode des Philosophierens mit Kindern braucht eine Reihe Bedingungen für sein Gelingen. Zu den wichtigsten zählt die Selbstreflexion, der philosophierende Selbstversuch der Lehrkraft: Welche Fragen habe ich persönlich zu dem Thema, welche Antworten versuche ich auf welche Weise zu finden? Es geht also in dieser Form der Unterrichtsvorbereitung nicht um didaktische Fragen (Wie sag ich’s meinem Kinde?), sondern um einen Versuch des selbständigen Denkens, der es mir ermöglicht, mein Ohr zu öffnen, für das, was Kinder meinen, wenn sie mir etwas sagen und  gleichzeitig inhaltsbezogene Kompetenzen zu erwerben: Denken als didaktische Zielkompetenz!

Woher weiß ich eigentlich, dass ich sterben werde, dass es sich um eine Angelegenheit handelt, die urpersönlich ist, die mich betrifft, in der ich mich nicht durch andere vertreten lassen kann?

„Alle Menschen sind sterblich. Sokrates ist ein Mensch; folglich ist Sokrates sterblich.“ Seit Generationen ist es üblich, Einführungen in die Philosophie mit diesem logischen Schluss (Syllogismus) zu beginnen. Diese logische Schlussfolgerung verurteilt auch jeden einzelnen von uns zum Tode, wenn wir statt „Sokrates“ unseren eigenen Namen einsetzen.

Der Tod ist die einzige Gewissheit unseres Lebens, die sich aus dem Unterschied zwischen dem Wissen speist, dass allen etwas Schreckliches widerfahren wird und dem Wissen, dass es auch mir widerfahren muss (vgl. Fernando Savater, Die Fragen des Lebens, Frankfurt 2000, S. 25 ff)!

Warum tabuisiert unsere Gesellschaft dieses Thema? Ist es nur der gesellschaftliche Reflex, der sich in dem Schlachtruf „Forever young!“ ausdrückt oder welche tieferen Ursachen lässt dieses Phänomen vermuten?

Andererseits sprechen Kinder gerne und unbefangen über den Tod, der so viele Fragen aufwirft, für die es nicht entscheidend ist, dass sie abschließend beantwortet werden, sondern dass sie gestellt und besprochen werden. Im Wissen um den Tod wird deutlicher, was Leben ist; wo er verdrängt wird, wird auch das Leben aus den Augen verloren.

Wenn das Thema Tod jedoch zum Beispiel in der Familie tabuisiert wird, setzt sich beim Kind leicht der Verdacht fest, man wolle ihm etwas Furchtbares und Schreckliches verheimlichen. Wenn dann die Realität des Todes in ihr Leben einbricht, trifft sie diese Kinder völlig unvorbereitet und wehrlos.

Wenn Schule also im Sinne von Hentigs „quer zur Gesellschaft“ liegen und defizitäre Entwicklungen ausgleichen helfen soll, gibt es für sie keinen Grund, sich diesem Thema nicht zu stellen.

Das folgende Unterrichtsbeispiel soll zeigen, wie mit wenigen Impulsfragen ein tiefgründiges Gespräch, das gleichzeitig Werkzeug und Werk bedeutet, geführt werden kann. Dabei halten sich die Gesprächsanteile von Kindern und Lehrkraft sowohl quantitativ als auch qualitativ umgekehrt proportional zu den sonst häufig zu beobachtenden Verteilungen.

Der Methodenkatalog umfasst lediglich diese Bestandteile:

  • Blitzlicht
  • Lehrerinnen - Vortrag
  • Situative Rollenbefragung: Was denkt der Frosch in dieser Situation?
  • Stirbt wirklich alles einmal? (Hinterfragen)
  • Woran erkenne ich, dass etwas gestorben ist (Merkmale für „tot“ und „lebendig“ finden)
  • Was stirbt, was stirbt nicht? (Kategorienspiel)
  • Was würde sich auf der Welt ändern, wenn es keinen Tod gäbe? (Gedankenexperiment)
  • Was würde sich für dich persönlich ändern, würdest du etwas anders machen? (Selbstreflexion)

Alle Kinderäußerungen wurden in einer 5. Stunde der Klassen 3a/3b (in dieser Stunde nehmen jeweils die Hälfte der Kinder aus den genanten Klassen an einer AG Schulchor oder Philosophieren mit Kindern teil) aus der VHGS Ofen am 12. Mai 2004 gefilmt und protokolliert.

Philosophieren bedeutet zunächst, aus den Köpfen heraus holen, was drinnen ist und für das Unterrichtsgespräch fruchtbar machen – nicht den „Nürnberger Trichter“ auf setzen und einfüllen.

Das „Blitzlicht“ hat sich als bewährte „Hebammenmethode“ zur Gesprächseröffnung erwiesen.

Die Lehrkraft nennt einen Begriff und die Kinder offenbaren in knapper Form ihre Assoziationen:

„Was geht dir durch den Kopf, woran denkst du, wenn du die Wörter ‚Sterben’ oder ‚Tod’ hörst?“  Die Fragestellung zielt auf den kindlichen Erfahrungshorizont und leitet eine philosophische Denkbewegung ein:

  • dass Menschen sterben und im Grab liegen
  • dass manche Menschen an einer Krankheit sterben
  • an Kirche
  • wenn Menschen sterben, sind die anderen auch traurig
  • es ist sehr schade, wenn sie tot sind, und das ist nicht lustig
  • das find’ ich nicht gut
  • das ist nicht schön, wenn ein Bekannter von jemandem gestorben ist
  • dass ganz viele im Krieg sterben
  • dass einige älter als 80 und schon mit 60 sterben können
  • dass manche Menschen andere Menschen umbringen
  • an beschriftete Steine
  • dass, wenn ein Mensch stirbt, andere Menschen heulen
  • dass dann welche tot sind und sterben
  • ich denke dann auch an Krieg und dass sich andere Menschen für uns, für unser Land opfern
  • an traurige und schlimme Gefühle.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, handelt es sich bei diesen „Blitzlichtern“ um persönliche Betroffenheiten und emotionale Zugänge.

Es liegt deshalb nahe, mit einem geeigneten Kinderbuch an zu schließen um ein vertiefendes Gespräch zu ermöglichen.

Es war ein wunderschöner Herbsttag. Das Schweinchen pflückte gerade Äpfel ....

.... als der Frosch daherkam. Er schaute gar nicht so lustig drei wie sonst. „Ich hab was gefunden“, sagte der Frosch. „Was denn?“ fragte das Schweinchen. „Komm mit, ich zeig’s dir“, sagte der Frosch. Während sie miteinander gingen, wurde das Schweinchen immer unruhiger. „Schau“, sagte der Frosch. „Mit der Amsel stimmt etwas nicht. Sie bewegt sich nicht mehr.“ „Sie schläft“, sagte das Schweinchen. Aber eigentlich glaubte es das selbst nicht. Gerade da kam die Ente angewatschelt. „Was ist los?“ fragte die Ente besorgt. „Ist ein Unfall passiert?“ „Psst, sie schläft“, sagte der Frosch. Aber die Ente meinte, die Amsel schaue irgendwie krank aus. Da kam der Hase daher. Als er von weitem sah, dass da was los war, rannte er schnell zu den andern. Der Hase kniete sich neben die Amsel und sagte dann: „Sie ist tot.“ „Tot?“ fragte der Frosch. „Was ist das?“ Der Hase zeigte zum Himmel hoch. „Alles stirbt einmal“, sagte er. „Wir auch?“ fragte der Frosch. „Ja, wenn wir alt sind“, sagte der Hase.

Diese sechs bebilderten Doppelseiten aus dem Kinderbuch von Max Velthuijs, „ ‚Was ist das?’ fragt der Frosch“ trägt die Lehrkraft vor.

An dieser Stelle werden  durch eine situative Rollenbefragung die Betroffenheit der Kinder und ihre Fragehaltung verbunden mit der Gelegenheit, sich in die Rolle des Froschs fühlend und denkend hinein zu versetzen, also Empathie zu entwickeln.

Zu diesem Zwecke wird ein Stuhl so im Klassenraum platziert, dass sich ausreichend Kinder dahinter aufstellen können. Die Lehrkraft bittet nun ein Kind, als „Frosch“ auf dem Stuhl Platz zu nehmen und nur sehr genau auf die Gedanken zu hören, die Mitschülerinnen und Mitschüler gleich aussprechen werden.

Lehrkraft: „Was glaubt ihr, denkt in dieser Situation der Frosch? Wenn ihr eine Idee habt, steht bitte auf, stellt euch hinter den Frosch, sagt euren Gedanken, behaltet ihn möglichst genau im Kopf und bleibt stehen.“

  • Was hat der Himmel damit zu tun?
  • Der Tod ist gefährlich!
  • Ich schwebe.
  • Wie kommt man dorthin?
  • Trauriges!
  • Hey, was ist denn ein Tod? Ist das ein anderes Wort für „schlafen“?
  • Ich lieg’ im Grab.
  • Ich denke, die Amsel ist tot.
  • Was heißt das?
  • Der Tod ist böse.
  • Ich will noch nicht sterben.
  • Was bedeutet der Tod?

Im Anschluss an diese Äußerungen, die für den auf dem Stuhl sitzenden Frosch noch einmal wiederholt oder durch die Lehrkraft als Texttheater inszeniert werden, offenbart der „Frosch“ sein eigenes Gedankenbild. Alle Äußerungen, die seinem Denken entsprechen, quittiert er mit der Bemerkung „nach vorn“. Die Sprecherin tritt aus der Reihe und geht nach vorn. Wenn eine Äußerung dem eigenen Denken widerspricht, sagt der „Stuhlfrosch“ „nach hinten“. Kann er sich bei einer Äußerung nicht zwischen diesen beiden Alternativen entscheiden, sagt er „in die Mitte“. So entstehen drei Gedankengruppen, die wiederum Anlass für ein Gespräch bieten können, aber nicht müssen: Passen die Gedanken wirklich zusammen, warum? Indem die Kinder die vorgenommene Sortierung überprüfen, setzen sie sich noch einmal mit den Gedankeninhalten und ihren Bezügen auseinander.

Was hat mit dieser Methode der situativen Rollenbefragung statt gefunden?

Die Kinder sind zwar in die Rolle des Froschs geschlüpft, aber ihr Ziel war nicht die möglichst fantasievolle Ausgestaltung der Rolle, sondern diese aus der Situation heraus durch Nachdenken und Empathie zu gestalten.

Ihre Denkleistung im Rahmen einer situativen Rollenbefragung bedeutet den einem philosophischen Gespräch ähnlichen Versuch, einen Sachverhalt, zum Beispiel eine Perspektive, Empfindung, Situation oder Einstellung „so tief wie möglich zu durchdringen und dann so prägnant wie möglich darzustellen“ (Gerhild Tesak, u.a., Wegweiser für die Sofakisseninsel, Leipzig 2003; Seite 21).

Das Thema „Tod“ erscheint den Kindern aus unterschiedlichen Perspektiven.

Mit der schlichten Frage: „Woran können wir eigentlich erkennen, ob die Amsel nur schläft oder wirklich tot ist“ lösen wir ein erneutes Nachdenken über das Begriffspaar  „lebendig“ und „tot“ aus und bieten Gelegenheit, eine philosophische Denkbewegung zu initiieren.

Die Behauptung des Hasen im Kinderbuchtext „Alles stirbt einmal“ fordert heraus eine Begriffsklärung einzuleiten.

Dies geschieht am einfachsten durch Hinterfragen der Aussage: „Ist es wirklich so, dass alles einmal stirbt?“

Zur Verstärkung und als Methodenwechsel kann ein Art Kategorienspiel eingeführt werden, bei dem die Kinder eine Reihe von Gegenständen (Blätter, Papier, Radiergummi, Spielzeugauto, Holzfigur, Luftballon, Diskette, Grashalm, Holz, Glasbonbon, etc.) entweder nach selbst gewählten oder vorgegebenen Kategorien sortieren.

Selbst wenn sie nicht vorgegeben wird, entdecken die Kinder sehr schnell die Kategorie „Stirbt, stirbt nicht“ und versuchen ihre Entscheidungen zu begründen.

In dieser Gesprächsrunde erfahren die Kinder durch eigenes Tun, welche unterschiedlichen Wirklichkeiten sich mit dem gleich Begriff abbilden lassen: Ist „Kaputtgehen“ das Gleiche wie „Sterben“, können nur Lebewesen sterben oder auch Steine?

Die Klasse einigt sich auf die Feststellung, dass nur etwas, das lebt, auch sterben kann. Aber was heißt in diesem Falle „leben“? Welche Kriterien gelten für diesen Begriff?

Es entstehen erste Abenteuer im Kopf, denn das Nachdenken über Begriffe verlangt von den Kindern, Vertrautes und Selbstverständliches zu hinterfragen.

Dieser wachsenden Bereitschaft wird durch die eine Fragestellung verstärkt, die einem Gedankenexperiment gleich kommt:

„Könntet ihr euch vorstellen, wie die Welt aussehen würde, wenn es den Tod oder das Sterben nicht gäben würde?“

  • Die Welt würde voll sein, es würde keinen Friedhof geben
  • Man hätte keine Trauer mehr
  • Die Welt kann dann fast nicht mehr existieren, weil dann zu viele auf einem Planeten wären. Es müsste dann einen neuen geben.
  • Dass die Welt ganz langweilig wäre
  • Die Welt würde austrocknen, weil es zu viele durstige Menschen gäbe, auch die Nahrung würde nicht ausreichen, so würde die Erde eben zerstört
  • Dann müssten wir Geister sein, weil manche Menschen sterben ja auch, weil sie überfahren worden sind. Und wenn man nicht stirbt, dann muss man ein Geist sein.
  • Dann wäre es zwar toll, dass die nicht sterben, aber dann wäre es ganz voll und dann wünschte man sich schon, dass welche sterben, wenn sie ganz alt sind – dann wird man ja auch 5000 Jahre alt oder so
  • Ich meine, dass die Menschen sich dann gegenseitig umbringen würden
  • Dass wäre ganz schön komisch, wenn man nicht sterben könnte, denn dann geben es ja die ganzen Urwesen noch, dann wäre alles überfüllt und die ganzen Urzeitmenschen würden hier noch herum springen und dann kriegt man eine Keule auf den Kopp und man lebt immer noch weiter
  • Ohne Sterben, da machen die Bundeswehrleute immer Krieg auf der Erde und hören nie damit auf, und Feuer würden viele entstehen, und ganz viele Wunden wären da und es würde ganz viel gekloppt und dann wollten die, dass andere sterben
  • Da gäbe es gar keinen Krieg mehr
  • Es wäre schön, dass keine mehr sterben, also wie Oma und Opa, aber dann wird die Welt ganz voll, es gibt nichts mehr zu essen, also eigentlich ist es so richtig

Mit ihren Äußerungen sind die Kinder einer Sinnfrage auf die Spur gekommen, der Frage nach dem Sinn des Sterbens!

Indem dieses Gedankenexperiment am Schluss der Stunde auf die eigene Person angewendet wird, kann den Kindern bewusst werde, dass Philosophieren auch immer Selbstreflexion bedeutet:

„Wenn ihr wüsstest, ihr würdet nie sterben, würde sich dann in eurem Leben etwas verändern, würdet ihr etwas anders machen, als ihr es jetzt macht?“

  • Dann wird man ja so alt und auch blöd und dann versucht man sich selber um zu bringen
  • Dann würde ich in ein brennendes Auto springen
  • Dann würde ich einfach so aus dem Fenster fliegen, ohne dass ich sterben würde
  • Wenn ein Osterfeuer da ist, dann würde ich die ganze Zeit rein springen und mir würde nichts passieren
  • Ich würde dann etwas machen, was ich nicht machen darf
  • Ich würde mir einfach eine Zeitmaschine bauen
  • Ich würde die Schule in die Luft sprengen, weil ich das ja machen kann, ohne dass jemand stirbt
  • Manchmal würde man sich ja auch freuen, wenn einige nicht sterben, zum Beispiel Mama und Papa und Oma und Opa.

Diese Äußerungen der Kinder zu einer spekulativen Fragestellung liefern wiederum Anlässe für die Fortsetzung des Gesprächs, ganz im Sinne des möglichen Verständnisses von Philosophieren als „Fragen, Hinterfragen, Weiterfragen“:

Aus einigen Antworten wird deutlich, dass die Unmöglichkeit zu sterben, nicht in ihrer gesamten Konsequenz erfasst wird. Gelegentlich setzen Kinder auch Unsterblichkeit und Schmerzlosigkeit gleich. Alle erkennen aber auf ihre Weise die radikale Sinngebung, die unser Leben durch die Existenz des Todes erfährt. Sie bestätigen so auch die Bedeutung des Gedankenexperiments: „Wer auf den ‚Flügeln der Phantasie’ und mit dem Kompass des urteilenden Verstandes sich in möglichen Welten umgetan hat, könnte, in die sogenannte Wirklichkeit zurück gekehrt finden: ’Es könnte alles ganz anders- und besser eingerichtet sein’(Georg Christoph Lichtenberg; zit. nach Hans-Ludwig Freese, Abenteuer im Kopf, Weinheim, Berlin 1995).“

Anmerkung:
Unter dem Titel „Erzähl mir was vom Tod“ läuft ab Oktober 2004 im Kindermuseum München eine interaktive Ausstellung, die sich vor allem an Familien mit Kindern und Schulklassen richtet.
Die Exposition ist ein Kooperationsprojekt des Kindermuseums im FEZ Wuhlheide Berlin und der Franckeschen Stiftungen zu Halle und wird von zahlreichen Institutionen unterstützt.
Nähere Informationen, auch über weitere Ausstellungstermine und –orte über

FEZ-Berlin
Alice - Museum für Kinder im FEZ-Berlin
Straße zum FEZ 2
12459 Berlin
Telefon: 030 53071 -181
Email: Kindermuseum@fez-berlin.de
www.alice-museum-fuer-kinder.de

Literaturhinweise:
Gerhild Tesak(Hrsg.), Wegweiser für die Sofakisseninsel, Leipzig 2003
Max Velthuijs, „Was ist das? fragt der Frosch“, Aarau; Frankfurt; Salzburg, 1998
Fernando Savater, Die Fragen des Lebens, Frankfurt 2000
Hans-Ludwig Freese, Abenteuer im Kopf, Weinheim, Berlin 1995